arbeit
Entsagend vieler unnötigen Konventionen und an feindlicher Strenge der weimarer Klassik vorbei, will ich mein Handwerk führen. Gezielt, ehrlich, mal schlicht, mal provokant. Lebendig und verschiedenste Gerüste einreissend, Korsette sprengend, unbeirrt vom Markttreiben. Dies erachte ich als Königsdisziplin eines Schriftstellerdaseins.
- Lyrik- und Textpublikationen in Literaturzeitschriften, Anthologien und im Netz
- Performance
- Romanarbeit
Vom Koffer in den Mund (glareanverlag.wordpress.com)
Textprobe gegewärtiger Romanarbeit:
Das NY-Baseballcap ins Gesicht gezogen, die Augen hinter dunklen Police-Sonnengläsern versteckt, wanderten meine Sinne Wochen und Monate vor und zurück. Meine Ankunft, der Einzug ins Haus, die Möbelmänner, und Cécile, die schon nach wenigen Wochen wieder zurück nach Frankreich wollte. Glücklicherweise konnte ich sie von der Dringlichkeit meiner Mission überzeugen. Selbst die Dummheit der Ortsansässigen konnte ich ihr als intellektuelle Inkontinenz interessant machen. Darin war ich geübt. Schliesslich wollte ich mir mein Vorhaben erhalten und nicht ohne meine Beobachtungen weiterziehen müssen. Es galt herauszufinden, wie sich mein amorphes Denken überwinden lässt. Unbeeinflusst. Unverwässert. Der gute Beobachter. Bemerkend das Uns, empfindend das Du. Wertfrei, doch nicht ohne Kritik. Auch erinnerte ich mich an die Tage der Flucht. Als mich Cécile an der Hand nahm und an den Flughafen schleppte mit zwei Last-Minute-Tickets in der Tasche. Ich liess es mir gefallen. Denn nicht selten hatte auch ich genug von dieser Tölpelei hier und sehnte mich nach arrivierter Gesellschaft. Was auch immer das heissen mochte. Eindeutig fehlte es mir damals an Gelassenheit. (Und spätestens jetzt wissen Sie, was die Kuriosität von wegen Ich und Du und Uns zu bedeuten hat) Caritativer Beigeschmack lässt sich wohl nicht abstreiten. Im Zutrauen, dass mein ganzer Einsatz zu einer Katharsis führt. Aus sicherer Distanz. Dies war auch die Ansicht von Cécile. Am 23. September letzten Jahres zog sie um fünf Uhr Nachmittags mit zwei Koffern aus. Sie zog erst bei ihrer gleichnamigen Freundin aus Genf ein und eine Woche später hatte sie ihr eigenes Appartement in Paris. Von da an mässigten sich meine Fluchtversuche. Viel mehr fand ich eine angenehme Kombination aus Reisen und Cécile. Das Wort Flucht strich ich aus meinem Vokabular, obwohl es noch existierte (abgelagert in der Nebennierenrinde) und manchmal soff ich es halb tot. Immer in Gedanken an Cécile, welche ich wohl nie besser verstand als in solchen Momenten. Man hat halt so seine Tricks, sagte ich jeweils, wenn sie mich übers Telefon danach fragte. Dann ging ich meist von Kneipe zu Kneipe und soff Bier und Wein in herrlicher Kameradschaft mit Konrad Adenauer. "Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen." Und tatsächlich fasste seine Aussage bei mir Fuss. Das mit dem Ernst-genommen-Werden liess allerdings auf sich warten. Kam dann, als ich meine Mission als abgeschlossen betrachtete. Als ich Tag und Nacht schmunzelnd meine gesammelten Beobachtungen zusammentrug und sich diese als Konvolut meiner geistigen Freiheit mannshoch stapelten. Als wertvolle Rückbleibsel. Ein Nachlass, gezogen aus hiesigen Gepflogenheiten. Den Homo sapiens erneut verdeutlicht. Das Konglomerat menschlicher Naturen. Das Ich, das Uns, das Du. In meisterhafter Empathie. Und wenn ich jetzt vorsichtig zu bedenken gebe, so erkenne ich meinen damaligen Kraftakt des Ausharrens als äusserst weise Entscheidung, auch wenn aus nur schwer einsehbaren Gründen. Doch entzog ich mich an unbenanntem Tag mit Wohlwollen dem weltresistenten Symposium und den ortsgeprägten Standesattitüden. Meine zum Tempel ernannte Warte, meine Bastion, wurde als solches unerkannt von den Einheimischen weiterhin besetzt. Als Bellevue auf ihren See, ihren Hafen, ihre Liegewiesen davor und nebenan, ihre Bäume, ihre Felswände, ihre Strassen, ihre Verbotstafeln und Ordnungsregeln, ihre Luft. Mit wachsamem Auge alles verfolgt und kritisch gemustert blieben die fremden Fötzel, auf dass diese ja nichts von eben erwähntem sich einzuheimsen versuchten. So blieb auch der fertiggestellt Artige eine potentielle Gefahr. Doch wussten sie sich mit Strategie zu verteidigen, indem sie ganz einfach deutlich die Nase rümpften und hin und wieder unmissverständlich von Fäusten, Keulen und Pestiziden sprachen. Ein unbekanntes Gesicht, eine fremde Sprache, augenscheinliche Kleidung - all dies reizte sie in ihrem schonungslosen Pessimismus. Hinterwäldlerisch? Ja, natürlich. Seltsam eingebürgerte Verhaltensregeln thronten hier auf wackeligem Fundament spärlicher Lebensweisheiten. Mitmachen, geschah dies bei einigen auch nur am Rande sonstiger Gewohnheiten, galt als oberstes Gebot, denn nur so liess sich die eigene Anerkennung garantieren. Nivelliert das eigene Denkvermögen und lustig verdrängt blieb so der Fingerzeig marginaliserten Kretinismus. Ich hätte noch weitere Wochen, Monate und Jahre damit verbringen können, die ansässigen Verhaltensmaximen zu porträtieren und zu persiflieren und mich zu Tode gelangweilt deren Ankunft in der Gegenwart abwarten. Doch riet ich mir davon ab und nicht zuletzt unterstützte mich in dieser Entscheidung Céciles Umzug nach Paris. In der Mitte meines Lebens stand ich und blickte mit Stolz auf meine Forschungsresultate zurück. Eindeutig hatte ich mir unumstössliche Kenntnisse über intellektuelle Unbeweglichkeiten verschaffen können während meines Aufenthaltes und gleichsam ahnte ich übersinnliche Züge in meinen Fähigkeiten. Naturgemäss hoffte ich, dass meine mit höchstem Aufwand betriebene Arbeit einmal Anerkennung finden würde und meine altruistischen Wesenszüge der Menschheit in guter Erinnerung blieben. Dummerweise hatte Cécile von meiner Geisteshaltung schon zweieinhalb Monate nach ihrem Auszug kein Verständnis mehr. Nur mit Mühe wünschte sie mir noch alles Gute für meine Zukunft, welche ich ohne ihre Hälfte erleben müsse. Mein Leben als Strohwittwer fand somit sein tragisches Ende und kurz darauf nistete sich Jean-Baptiste Leclerc bei ihr ein. Irgendein ausgeflippter Dokumentarfilmer, wie ich nach wenigen Worten übers Telefon feststellte. Seiner Stimme glaubte ich etwas Vulgäres entnehmen zu können und auch sah ich (imaginär - versteht sich), wie er während unserem Disput hüllenlos und braungebrannt, wichtig auf der sonnenbeschienenen Terrasse auf und ab ging und als Alleskönner meiner Cécile zuzwinkerte. Und doch, meinem Groll zu trotz, beschäftigte mich die Tatsache, dass ich so plötzlich alleine da stand ausserordentlich, und kurzum entschied ich mich in der Endphase meiner hiesigen Forschungsarbeiten, ein Mädchen anzulachen. Mehrere, um ehrlich zu sein. Denn schon in jungen Jahren wurde mir beigebracht darauf zu achten nicht nur ein Eisen im Feuer zu haben, sollte ich mal auf einen grünen Zweig kommen wollen. Meinem Wesen entsprechend auferlegte ich mir dabei unglaublichste Sanktionen und nur selten konnte ich so einem Finale entgegen wirken. Tagelang hielt ich mal hier, mal dort ein bisschen Hof und liess die Monate beherzt dahin streichen, passend zu meiner begleitenden Tätigkeit als Kurator hiesigen Pharisäertums. Mit siebzehn hätte ich mir wohl nichts sehnlicher herbeigewünscht als eine ähnliche Situation. Denn erachtete ich es schon damals als äusserst dringend und dem Anstand abgerungen, dem anderen Geschlecht möglichst viel Aufmerksamkeit zu schenken. Zufälligerweise stammte sie aus Versailles, was für mich nichts weiter als der Ausdruck eines axiomatischen Systems war. Noëlle befand sich auf inspirativer Wanderschaft und erkannte auf Anhieb meine Gleichgesinnung. Ungekünstelt offenbarten wir uns gegenseitig unsere wohlbehüteten schriftstellerischen Etüden in konnotativer Transparenz. Bruchstückhaft erzählte ich ihr auch von meinen derzeitigen Beobachtungen und dass daraus ein Buch, ein Bericht, eine Novelle, ein Kryptogramm entstehen soll. Darauf zog sie bei mir ein. Als Untermieterin, Lektorin und Liebhaberin. Die neunzehn oder zwanzig Jahre Altersunterschied störten uns beide nicht im Geringsten und offenherzig lebten wir unsere Liebe auch gegen aussen. Spazierten Hand in Hand an meinem Tempel vorüber, gelegentlich setzten wir uns auch hin, und voller Stolz stellte ich dann Noëlle dem provinziellen Publikum vor. Nur ganz kurz möchte ich an dieser Stelle Namen wie Brigitta, Carla, Jürg, Iwana, Alfons, Michael oder Esther erwähnen. Damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Schliesslich fing die Geschichte mit ihnen an. Aus Dankbarkeit, sozusagen. Dass Noëlle mein Dasein als Schriftsteller imponierte, schmeichelte mir ungemein und gerne sprach ich dann auch mal von jenen meinen Büchern, welche es eigentlich nie gab. Fixfertige Manuskripte, sagte ich ihr, seien während meines dreijährigen Aufenthaltes in Griechenland, beim Hausbrand ums Leben gekommen. Abgefackelt! Allesamt unwiderrufliche Kunstwerke. Himmeltraurig! Darauf schenkte ich jeweils Wein nach und achtete darauf, dass mir eine Träne hörbar in den herrlich roten Saft purzelte. Ich war geübt darin. Ohne weiteres hätte ich auch als Schauspieler arbeiten können. Nun gut, lange Rede kurzer Sinn - auf solche Offenbarungen hin, eröffnete auch Noëlle das Feuer und erzählte von ihren Schicksalsschlägen. Von ihrem Lapsus in der Karrierelaufbahn. Und während ich ihr gespannt zuhörte und ihren Seufzern lauschte, sie in meinen Armen hielt, ihre Haare streichelte und küsste, hoffte ich eigentlich nichts weiter, als dass sie mir nicht auf die Schliche kommt. An Cécile dachte ich derweilen nur noch selten und ihr Mitbewohner Leclerc wurde für mich zur unwichtigsten Person im ganzen Universum. Ich stellte mir vor, dass er bereits an einem neuen Filmprojekt rumschnipselte. Irgendwo im Balkan. Weit weg von Paris und Cécile. Auch betrank ich mich nicht mehr in rudimentärer Weise zusammen mit meinem Compagnon Adenauer, sondern genoss das Bier oder den Wein gesittet und gepflegt mit meiner Lektorin und Lebensgefährtin. Dies zum Erstaunen vieler und natürlich trug man hierfür alles Lob Noëlle zu. Dabei lag der eigentliche Grund nicht in der Liaison mit ihr, sondern in meinem Entscheid, in der tröstenden Aussicht, mein gegenwärtiges Projekt Schritt für Schritt abzuschliessen. Die Ausschau auf eine Veränderung trieb meinen Jugendsporn erneut an und den vereinzelt zum Vorschein getretenen grauen Haaren räumte ich gelassen ihren Platz ein. Mein Körper im Allgemeinen, so fand ich, hatte sich verändert und selbst in der Bewegung, im Gehen oder beim Tanzen, legten sich plötzlich ungeahnt dynamische Kreationen frei. Ein Konterfei, welches mich zusätzlich in meinen Vorhaben bestärkte und natürlich schrieb ich dies nicht zuletzt meinem Beruf als Künstler zu. Auch Noëlle blühte von Tag zu Tag friedlich vor sich hin. Sorglos und bemüht, ihre Freiheit bis ins Detail auszukosten. Uferlos liess sie sich von ihrem Übermut treiben um vom Sog der Liebe umher wirbeln. Wenigstens war dies in den ersten Wochen der Fall. Dann kehrte der Alltag wieder ein. So nervten sie schlagartig irgendwelche Pappenstiele, welche sie anfänglich belustigten. Ich dachte wieder an Cécile. Heimlich und beständig. Dabei wurde ich immer wieder von Panikattacken durchgeschüttelt und durchsiebt. Insbesondere, wenn Noëlle malträtierend von Versailles schwärmte. Doch gewährte ich ihr dies geduldig. Und um dem Ganzen eine gewisse Balance zu geben, begann auch ich mich an andere Orte hinzuträumen. Erzählte von Korfu, Zakynthos und den Strofades und hoffte, somit Noëlles Rückkehr nach Versailles etwas heraus zögern zu können. Ihr Angebot, mit ihr nach Frankreich zu gehen und das feudale Haus ihres Onkels zu bewohnen, schlug ich ihr aus dem Kopf. Denn viel zu nah lag doch Paris und ohnehin würden meine Pläne anderer Natur werden. Zwei Tage nach dieser Offenbarung, akzeptierte Noëlle meinen Entscheid. Überraschenderweise telefonierte sie danach fast täglich mit René, welchen sie mir von Beginn an, als ihren damaligen Mitbewohner vorstellte. An der "23 rue de la Division Leclerc" in Versailles. Leclerc! Wie konnte man eine Strasse bloss mit einem solchen Namen verunstalten? Verhunzen und entstellen! Plötzlich wurde mir warm und ich fluchte über die unmögliche Hitze und diese bereits um zehn Uhr morgens. Darauf riss ich alle Fenster auf und lieblichst hätte ich Noëlles Sachen gepackt und runter auf die Strasse geworfen...
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