impressionen
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Luigi Coccioletti
New York City, 13.33 Uhr, frisch frisiert, parfümiert, in olivgrünem Paisley-Hemd von Hawes & Curtis, engen Bluejeans, Ledergurt mit einer durchaus freudschen Schnalle, barfüssig in teuren Lederschuhen des Meisters Gregorio steckend, stieg ich, Luigi Coccioletti, aus Don Robertos dunkler Limousine. Dass ich selbständig aussteigen könne, lächelte ich zuvor dem um wenige Jahre jüngeren Maurizio zu; in zwei Stunden kämen dann auch er und Don Roberto hinzu, also bis dann, sagte Maurizio und fuhr gemächlich die eine Wagenhälfte vom Gehsteig runter auf die Strasse. Pechschwarz war meine Haartolle damals und wie gesagt - und stellen Sie sich dies jetzt bitte auch bildlich vor, meine Damen und Herren - säuisch enganliegend meine Jeanshose, stutzerhaft, überdimensioniert die Gurtschnalle und blinkend das Schuhleder. In abgezirkelten Schritten und dennoch in locker-elastischem Gang huschte ich irgendeiner Strasse entlang, inmitten einer fremden Stadt, ich hatte keine Ahnung wo ich war und noch viel weniger, wie mich Maurizio und Don Roberto zu einem späteren Zeitpunkt treffen wollten. Denn, so war ich mir gewiss, würden so einige Kilometer Asphalt unter meine Füsse geraten, jedenfalls wollte ich mich sicherlich nicht auf das Trottoir setzen hier in der 5th Avenue, sondern meinem europäischen Pioniergeist freien Lauf lassen. Und schon kurz darauf schlich ich mich frohen Mutes dem Times Square entlang und drückte meine Freude durch schon beinahe frenetische Jauchzer aus. Theatralisch tänzelte ich um meine eigene Achse, mit ausgestreckten Armen und den leuchtend warmen Augen eines Südländers. Allerdings versteckten sich diese hinter blauen Sonnengläsern, war es ja schliesslich mitten im Mai und unbedeckt der Himmel. Doch jetzt, als sich dieses wunderschöne, typisch amerikanische Fräulein in mein Blickfeld rückte, schob ich die Brille zur Stirn hoch und lehnte mich an eine bunt plakatierte Hausmauer. Das eine Bein hielt ich angewinkelt, die schwarze Schuhsohle auf den rosa Lippen einer Filmdiva, die Arme liess ich lässig an mir herunter hangen und die Brust streckte ich begehrlich nach vorn. Wenn ich sie jetzt gezielt anlächeln täte, könnte sie eventuell an mir Interesse kriegen, dachte ich mir und weiter an meine grossen Augen, meine behaarte Brust und die eigentlich viel zu enge Hose. Scheinheilig und vielleicht etwas schlüpfrig - ich stehe dazu - versuchte ich meine Männlichkeit verstärkt zu betonen, kniff die Pobacken zusammen und verrückte meine Lenden nach vorn. Wie ein inkarniertes und in seiner Gesamtheit dastehendes Phallussymbol kam ich mir vor und hoffte, dass mich Maurizio und Don Roberto so nicht zu sehen bekommen. Natürlich war ich schon seit längerer Zeit auf Frühling eingestellt, dies liegt wohl in der Natur des Menschen, naturgemäss demnach, dass auch meine amerikanische blonde Sexgöttin sich mit wankenden Hüften immer mehr meiner ausgelegten Schlinge näherte. Dann musste ich wohl in eine tiefe Ohnmacht gefallen sein.
Denn fand ich mich meilenweit ausserhalb von New York City wieder, weg von MTV-Studios, Sony, Virgin Records, Toys'RUs, Vogue und NASDAQ. Angelehnt stand ich in Sandalen aus Papyrus und seltsamer Kleidung an einer lehmigen Wand, im Schatten eines breiten Torbogens aus aufgetürmten Steinen. In der Ferne sah ich königliche Bauten und Pyramiden und am Fusse des Hügels Frauen, Männer und Kinder, zwischen Palmen, Vieh und Gestrüpp. Auch hörte ich Gesang und Flötenklänge, welche wellend zu mir herüberzogen. Dies müsste wohl das Land des Pharao sein, dachte ich in meinem Erstaunen und erschrak nicht leicht, als sich all mein angestammtes Wissen wie eine Seifenblase über dieser eher trübseligen Landschaft zeigte, und mir eine unbekannte Wirklichkeit einflösste. Nun, in diesem Moment fühlte ich mich tatsächlich nicht mehr so sexy wie eben noch an der Times Square, so roch ich nach Schweiss, Schuhe und Kleidung waren voll staubigem Wüstenleben, von Hawes & Curtis hatte ich noch nie was gehört, auch nicht von Levi Strauss und 501. Und doch, ein Dandy bleibt eben ein Dandy - vergessen Sie all die Jahrtausende - also klopfte ich mir als erstes mein weisses Obergewand etwas staubfreier und rückte den vollkommen durchsichtigen Flachsschurz mit gesticktem Saum zurecht. Lächelnd dachte ich an das von mir bevorzugte Geschlecht, an Ephaba, Nefertari und Jaha, vor allem aber an Jaha und wie sie mit ihren wankenden Hüften auf sich aufmerksam macht. Mit meinen dunklen Händen fing ich an ein fröhlichmelancholisches Lied zu klatschen und summte wimmernd dazu. Dann begann ich zu jaulen und zu lachen, dann seufzte ich und wünschte mir Jaha herbei. Unsere Priester in ihren Leopardenfell-Umhängen könnten mir jetzt dabei behilflich sein. Mit einem ihrer Diener wäre ich allerdings auch schon zufrieden, so ahmen diese denn jenen Wahrsagern so einiges nach. Neugierig und noch immer voller Liebesglut schlich ich mich an verwinkelten Mauern und Steinhaufen vorbei, durch Torbogen und Torbogen, immer weiter in dieses dachlose Gebäude hinein. Leiser wurden die Stimmen der Bauern und Landsern, wohltuend, so wollte ich unbeobachtet sein in meiner Wollust, wenn ich unbekleidet meinen Körper den Sonnengöttern hingebe. Hätten Sie mir, meine Damen, damals von Maurizio und Don Roberto erzählt, von einer 5th Avenue, ich hätte lächelnd und mit ausgestrecktem Arm in Richtung Palast gezeigt und vermutet, Sie wären königliche Boten aus fernen Landen, aus dem Abendland vielleicht? "Nedjem", hörte ich eine Mädchenstimme den Namen meines Dieners flüstern und zuckte zusammen, da ich noch eben den Gedanken in mir trug, mein Gewand abzulegen. Sollte er sich tatsächlich hier herumtreiben, müsste ich ihn maßregelnd zurückschicken. Aus den Knien heraus hüpfte ich zwei, dreimal in die Höhe um über die Mauer blicken zu können. Doch konnte ich weder das Mädchen noch Nedjem sehen, also versuchte ich es noch bei einer weiteren, etwas Höheren. "Acha", murmelte nun das Mädchen und da es nur einen gab der so hiess, nämlich ich, Luigi Coccioletti, flüsterte ich behutsam zurück: "Ja? Jaha? Bist du das?" Dann vernahm ich ihr Kichern und lief diesen Geräuschen entgegen, sprang über ein niedriges Gemäuer und setzte mich in den Schatten eines Torbogens. "Jaha?", rief ich sie erneut an und malte mir aus, wie vielleicht auch sie die Wollust ihres Körpers den Göttern preis gab, wie ihre graziösen Körperlinien unter ihrem luftigen und leicht plissierten und dünnen Gewand durchscheinen und ich ihr dies, mich auf meine Knie geworfen, langsam und behutsam von ihrer feuchten Haut streife. Bestimmt sass ich an die fünf Minuten an meinem Ort ohne noch ein weiteres Wort zu sagen oder von ihr zu hören. In meiner Phantasie lag Jaha schon längst in meiner Umarmung, unsere Leiber schäumten vom Feuer der Liebe, unser Atem ging schnell und unsere Hände fassten einander mal schüchtern, mal unverblümt an. "Jaha", stöhnte ich leise und zog nun auch meinen Flachsschurz mit dem edel gestickten Saum aus und legte diesen vorsichtig auf das weisse Obergewand und die Sandalen. In meinen Träumen versunken hörte ich wieder, wie mein Name geflüstert wurde. "Acha". Doch viel, viel näher als zuvor. So nahe, dass ich glaubte, ihren Atem auf meinem Gesicht spüren zu können. Geängstigt bedeckte ich mit der Hand mein Geschlecht und öffnete erbleicht meine Augen. "Acha", sagte Nefertari, trat leichtfüssig aus dem Schatten eines Torbogens heraus und lächelte mich aus ihren dunklen Augen an. Dabei öffnete sie ihr Haar und kam bis auf wenige Meter auf mich zu. Ihr Kleid und ihre Sandalen, so sah ich, lagen dicht neben den meinen. Offenbar hatte sie meine Rufe nach Jaha nicht gehört. Hatte ich tatsächlich Jaha angebetet vorhin? "Nefertari", flüsterte ich ihr zu. "Geliebte Nefertari. Es muss wohl göttlichem Geschick entsprechen, göttlichem Geleit, welches uns zueinander brachte." Mein Herz klopfte damals wie wild, müssen Sie wissen, und ich liess von meiner Bedeckung ab. Denn, so erörterte ich die Situation, wäre jegliche Zurückhaltung ein falsches Schamgefühl gewesen. "Acha", sagte sie so zärtlich, wie ich es zuvor noch nie von einer Frau gehört hatte, nicht einmal von meiner leiblichen Mutter. Meist wurde mir mein Name zugerufen wie einem Kamel den seinigen und so war es wohl nicht erstaunlich, dass mir die Knie zu zittern anfingen, hier im Quadrat, im Kreise aufgetürmter und mörtelgefugter, zu Mauern oder Toren gearbeiteten Steinen. Was hätte mich zu späterer Zeit eine unbekannte, amerikanische Sexgöttin interessieren können, wäre Nefertari meinem Gedächtnis nicht entschwunden; bestimmt hätte ich mich gar nicht nach ihr umgesehen, nicht meine Lenden in den ja eh schon engen Jeans hervorheben wollen, nicht meine blauen Gläser in die Stirn geschoben, nicht das Treffen mit Maurizio und Don Roberto in den Wind gestreut, das teure Essen im "Tavern on the Green" allerdings, hatte sich gelohnt.
Wie aus einem traumlosen Schlafe erwacht, sassen wir einander zugetan an einem weiss gedeckten Tisch im Tavern on the Green. Ich, Luigi, und sie, Claudine, meine wunderschöne und charmante Entdeckung und dies inmitten von New York City um 17:08 Uhr. Lässig schlug ich mein olivgrünes Paisley-Hemd von Hawes & Curtis zurück und schloss einen weiteren Knopf zu, schliesslich befanden wir uns in einem Speiselokal und ohnehin hatte Claudine meine Brustbehaarung längst wahrgenommen. Ich hatte mich also für eine neue Taktik entschieden und lavierte mit Geschick, warf meine übliche und hemdsärmelige Manier über Bord und begann den Gentleman zu mimen. Mit Erfolg. Denn noch vor dem Dessert spürte ich Claudines zarten Fuss in meinem Schoss, anscheinend wurde meine plötzliche Zurückhaltung für sie unerträglich und verstohlen blickte ich mich immer wieder nach anderen Gästen um. Lächelnd und mit sonnigem Gemüt. Doch zitterten meine Knie dabei unaufhörlich und schon beinahe peinlich, doch schien dies Claudine nicht zu stören und seufzend strich sie durch ihr langes blondes Haar und liess es mit nach hinten geneigtem Kopf über ihre Schultern fallen. Diskret hob ich das weisse Tischtuch über ihre rot lackierten Zehennägel und beugte mich nach vorn, stützte meine Ellenbogen auf dem Tisch auf, wie unter Freunden in der Osteria in meiner Heimatstadt. Dabei bewunderte ich mit zusammengekniffenen Augen ihr Amulett, ihr aus Gold angefertigter Skarabäus, welchen sie an ihrem Hals trug. Dass sie seit je her das Gefühl in sich trüge, im alten Ägypten gelebt zu haben, eröffnete sie sich mir und zog ihren Fuss langsam zurück, als sie meine plötzlich aufgekommene Erektion spürte. Tief einatmend lehnte ich mich in die Stuhllehne zurück und fing an über meinen Beruf als Schauspieler zu sprechen. Mit anderen Worten, ich begann zu lügen. Zu notlügen. Wie hätte ich sonst die auf mich einprasselnden Eindrücke noch ordnen können? Nach dem Corretto Grappa bezahlte ich mit zusammengepressten Zähnen die sündhaft teure Rechnung, natürlich fluchte ich innerlich, doch konnte Claudine dies weder hören noch sehen noch erahnen oder verstehen, denn schimpfe ich ausschliesslich in Italienisch. Dabei lächelte ich sie charmant an und fragte, ob ich sie nach Hause geleiten dürfe. Immerhin sei es schon 22:47 Uhr und ungefährlich wäre Manhattan bestimmt nicht zu dieser Uhrzeit, vor allem nicht für eine so reizvolle Frau wie sie es sei. "Luigi", flüsterte sie mir ins Ohr und ihrer Umarmung erlegen, drängte ich sie sanft aus dem Restaurant. Nefertari, schoss es mir durch den Kopf und vor meinem inneren Auge sah ich eine bronzegebräunte Schönheit, splitternackt vor mir stehen. "Luigi", sagte Claudine zärtlich zu mir und küsste aufgeregt mein Gesicht, meinen Hals und meine Brust. "Acha", schmunzelte sie kurz darauf verwegen und drückte mich an sich. Acha?, fragte ich erstaunt.